Über die Kunst

Der Vortrag „Kunst (durch)schauen“ wurde im Rahmen der Ausstellung „Leander Mergener , Malerei, Zeichnung, Graphik“ auf Haus Opherdicke gehalten.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin wird hier ein Auszug wiedergegeben.

Andrea Vierle: Kunst (durch)schauen

Zehn exemplarische Fragen an die Kunst

Wenn wir durch eine Ausstellung gehen, Bilder betrachten, sie auf uns wirken lassen, begeben wir uns (mehr oder minder bewußt) immer auch in einen Dialog – mit dem Künstler, dem Kunstwerk und schließlich im Gegenüber zu der Kunst selbst. Zuweilen initiieren wir den Dialog, indem wir schauend zu verstehen suchen, nachforschen und -denken, um uns besser zu orientieren, dann wiederum sind wir die Angesprochenen, an die sich das Kunstwerk mit seinem ganzen Aufforderungscharakter richtet, so daß Fragen aus oder in dem Gesehenen auftauchen und sich geradezu aufdrängen.
Dabei gibt es zentrale Fragestellungen, die uns immer wieder begegnen, in ihrer Frag-Würdigkeit ernst genommen werden wollen und uns dazu verleiten, hier oder dort – sowohl im Schauen wie auch im Nachdenken – etwas länger zu verweilen. Hier sollen nun exemplarisch einige Fragen an die Kunst, den Kunstschaffenden, den Betrachtenden und das Kunstwerk exponiert werden – weder mit dem Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf systematische Geschlossenheit; vielmehr in dem Bemühen, eine Diskussion zu eröffnen, die im philosophischen Sinne manches Selbstverständliche frag-würdig werden läßt und ein geistiges Sehen anregt, das unser Bild-Betrachten vertieft und ergänzt. Auf diese Weise kann ein philosophisch-künstlerischer Dialog entstehen, der über disziplinäre Grenzen hinweg ästhetische Betrachtungen, unmittelbares Kunsterleben und existentielle Reflexionen zueinander führt und so – inmitten aller ästhetischen oder kunstgeschichtlichen Theorien – ein anfängliches Fragen nach dem uns betreffenden Sinn der Kunst offenhält. Beginnen wir mit einer Frage, die gewissermaßen alles Kommende in Frage stellt und sich daher in aller Dringlichkeit an den Anfang stellt:

1. Kann man über Kunst überhaupt sprechen oder verliert sich im Reden die unmittelbare ästhetische Präsenz?

Die erste Reaktion, wenn wir ein Kunstwerk sehen, ist eine emotionale – wir sind getroffen, berührt, angegangen – und fühlen uns begeistert, irritiert, beglückt, traurig, in Aufruhr gebracht oder zur Ruhe kommend. Ein Bild scheint uns unmittelbar mit hineinzunehmen in das Erscheinende, ein Musikstück entführt uns aus allem umgebend Weltlichen in eine eigene Sphäre des Seins, ein Gedicht trifft das, was sich unserer eigenen Versprachlichung entzieht, eine Plastik spricht uns an – bis hin zu der von Rilke verdichteten Aussage: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“
Oftmals aber begegnen wir Kunst in dem Bemühen, unser Empfinden

quasi zu objektivieren, indem wir zu Erklärungen greifen, die entweder historische Entwicklungen und Verbindungen aufzeigen, die theoretisieren, Hintergründe der Entstehung oder der biographischen Eigenheit des Künstlers aufdecken oder Stilrichtungen explizieren und einordnen. Das alles aber hilft nicht, das eigentliche und starke Moment des Gefühls – das Gefallen oder Mißfallen, mithin unser ästhetisches Wohlgefallen – einzuholen oder gar zu ersetzen. Das Reden über Kunst kann niemals an die Stelle des direkten sinnlichen Eindrucks – und unseres unmittelbaren, reagierenden Gefühls – treten. Und dennoch: angesichts eines Kunstwerks, das uns trifft und durchstimmt, sind wir immer auch durch es selbst herausgefordert, zu verstehen: das uns sinnlich Gegenüberstehende, die Wirkweise der Kunst, das Erscheinen als solches, das über das Werk Hinausweisende – und schließlich uns selbst. Solche Fragen sind kein bloßes „Gerede über Kunst“ (wie Cézanne es abschätzig kennzeichnete), sondern das ernsthafte Bemühen um ein Verstehen dessen, was uns als ästhetische Dimension unseres Daseins anspricht und angeht. Ein solches Verstehen entfaltet ein eigenständiges Denken und Weiterdenken, das sich durch den sinnlichen Eindruck entzünden und inspirieren läßt, ihn vertieft, vielleicht auch übersteigt – um letztlich wieder zu ihm zurückzufinden. Ein solches versuchendes Nachdenken mit und angesichts der Kunst findet immer mehr zu denken, je mehr es zu schauen bekommt – und wird schauender, indem es weiter denkt.
Kunst ist uns also nicht nur zum Genuß gegeben, sie stellt immer einen bestimmten Anspruch an uns. Diesem Anspruch stellen wir uns, wenn wir den Aufforderungscharakter der Kunst wahr und ernst nehmen und ihm in gemäßer Weise zu entsprechen suchen. Damit wird aber zugleich deutlich, daß ein solches Reflektieren über Kunst in sich philosophischen Ursprungs ist und sein muß. In der Philosophie geht es um ein vertieftes Verstehen all der Phänomene, die unser menschliches Dasein ausmachen und bestimmen, um ein Begreifen der Dinge aus ihrem ersten Grund und ein Bedenken des Ursprungs all dessen, was ist. Damit ist die Kunst nicht nur ein wichtiger Gegenstand philosophischer Betrachtung (und die Ästhetik ein Teilbereich der philosophisch-wissenschaftlichen Disziplin), sondern vielmehr noch sind Kunst und Philosophie wesensverwandt, insofern es in beiden darum geht, das Dasein des Menschen zu erfassen und an die Wahrheit als Grund all unserer Welterfahrung und unserer dorthin orientierten Verstehensbemühungen zu rühren.
Und schließlich zeigt sich der Philosoph selbst als Künstler: indem er das zu Sagende nicht nur auf einen möglichst genauen Begriff bringt (der ja als solcher zunächst gefunden – und also auch erfunden werden muß), sondern in diesem Versuch immer wieder an das Unsagbare rührt und diesen Widerstand fruchtbar-schöpferisch austrägt.
Vor diesem Hintergrund ist auch der Titel der hier unternommenen Überlegungen zu verstehen: das Durchschauen nicht zu hören als vollständige, begrifflich-rationale Aufklärung eines rätselvollen Zusammenhangs, sondern als transzendent-luzides Blicken auf etwas, das sich bestenfalls in seiner eigenen Verborgenheit zu erkennen gibt. Ein solches Durch-Schauen auf das hinter dem Sichtbaren zu Verstehende oder zu Erahnende bleibt letztlich nicht sich selbst, sondern der Durchlässigkeit des Lichtes als solchen geschuldet.
Als nächstes wenden wir uns einer sehr allgemeinen Frage zu, die in ihrer umfassenden Weite zunächst vielleicht allzu selbstverständlich erscheinen mag:

2. Was ist Kunst?

Dennoch stellt sich diese Frage ganz konkret immer dann, wenn wir angesichts eines Kunstwerks entscheiden, ob das noch – oder schon – Kunst ist. (Und das steht ja heute mehr denn je an, da sich die fraglose Zugehörigkeit zu einer systematisierten Stilistik aufgelöst hat und sich damit künstlerische Qualifikationen in jeder Hinsicht neu zu bestimmen haben.) Ganz im Sinne Augustins, der im Blick auf die Zeit dieses Phänomen eines nur im Unausdrücklichen zu haltenden Vorverständnisses bemerkte, steht es doch wohl so: solange wir nicht gefragt werden, scheint es uns ganz klar zu sein, was Kunst ist, sobald wir aber sagen sollen, was sie sei, werden wir ratlos und geraten ins Stocken. Dieses Stocken aber ist sozusagen der Anfang des philosophischen Reflektierens, das gerade dort einsetzt, wo sich die alltäglich-selbstgewisse Eloquenz verliert – und damit das scheinbar von selbst Verständliche in seiner eigentlichen Fraglichkeit und Bedeutsamkeit erscheint. Daher stehen wir im philosophischen Fragen auch immer selbst mit in Frage, als Suchende und Versuchende, die sich im Gegenüber zu den andrängenden Phänomenen zu positionieren haben.
Was also ist Kunst? Diese Frage soll uns zunächst auf das hinweisen, als was uns Kunst begegnet: nämlich als Werk. Als solches stellt sie sich im Unterschied zu allem handwerklich Verfertigten nicht dar als ein zu einer pragmatischen Bestimmung Bereitgestelltes, sondern als Eröffnung einer eigenen Wahrheit. Wie aber läßt sich das verstehen?


Dr. phil. Andrea Vierle, Jahrgang 1965, Studium der ev.
Kirchenmusik und der Philosophie.
Promotion 2003 „Die Wahrheit des Poetisch-Erhabenen“.
Gründerin des musisch-philosophischen Gartens „Kepía“ in Oberhausen.

Eine Auswahl aus den behandelten Fragestellungen:

  • Ist Kunst immer nur subjektiv?
  • Ist Kunst Geschmackssache?
  • In welchem Verhältnis stehen Künstler und Betrachter?
  • Wie „geschieht“ Kunst?
  • Ist Kunst letztlich auch dem Zufall geschuldet?
  • Gibt es eine eigene Wahrheit der Kunst?


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